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Wunderkammer IX im Rahmen der Ausstellung "Graphein" verlängert bis 5. April

Wolfgang Seierl
Arbeiten auf Papier unter Verwendung einiger Hinschriften von Julian Schutting

Katalog/artworks

 




Die in diesen Arbeiten realisierte Idee der bildnerischen Gestaltung bzw. Erweiterung von Autographen geht auf die Anregung des Sammlers Gerhard Hartmann (Lindau) zurück. Meine Anfrage um Handschriften zu diesem Zweck richtete ich deswegen an den Dichter Julian Schutting, weil ich in meiner Eigenschaft als Komponist vor Jahren einige seiner Texte musikalisch deuten durfte, ich also bereits Zugang zu seiner Gedankenwelt hatte.
Die von Schutting für dieses Projekt zur Verfügung gestellten Gedichtskizzen waren flüchtig auf verschiedene Papiersorten wie Briefumschläge oder Kartons notiert und luden so sowohl optisch als auch inhaltlich zum bildnerischen Dialog ein. Dabei hatte alles Bedeutung: die Farbe und Form des Papiers (zum Teil war es gerissen oder beschnitten), Adressaufschriften und Poststempel, die Handschrift (mit blauer Tinte), und nicht zuletzt der berührende Inhalt der Texte.
Ich ließ den Assoziationen freien Lauf, antwortete mit der Auswahl der darunter- bzw. darüber geklebten Papiere, mit Dazugeschriebenem und -gezeichnetem, mit Übermalungen. Ich versuchte, den von Schutting beschriebenen Originalblättern in meiner Bearbeitung nicht so sehr meine eigene Welt entgegenzusetzen, als die innere Wirklichkeit der Gedanken des Dichters sichtbar zu machen, ihnen ein "Gehäuse" zu bauen. Das so inszenierte Zwiegespräch hatte etwas Leichtes und Spielerisches. Nicht nur bot das wiederholte Lesen der Texte meinem bildnerischem Verständnis immer neue Impulse, es blieb auch Vieles offen, was dem Endergebnis keinerlei Abbruch tut, sondern vielmehr den Schwebezustand zum Prinzip erklärt. (Wolfgang Seierl, 2019)

Ein paar Sätze zu dem, was ich für Wolfgang Seierl in der Annahme, er würde dies und das in seine Blätter integrieren, auf Packpapier, auf die Hinterseite von Briefkuverts etcetera flott hingeschrieben habe - hatte also nicht damit gerechnet, daß das alles in schwer leserlicher Handschrift transkripiert mitpubliziert würde.
gehalten habe ich mich an zu dieser Novemberzeit 2017 Skizziertes, zum Beispiel an meine jüngsten Verfremdungen berühmter Hölderlin-Gedichte („Hälfte des Lebens“, „Hyperions-Schicksalslied“), an meine Aneignung von August von Platens „Wer die Schönheit ...“, an meine Verschärfungen der von Schubert in seiner „Winterreise“ hinangehobenen Gedichte von Wilhelm Müller. habe aber auch, ohne viel zu überlegen, mir in diesen Tagen durch den Kopf gegangenes vor mich hin improvisiert:
halbzeilenweise wie Schriftproben in Graphiken aufgenommen, würde das schon taugen ... an die nicht von mir festgelegte Abfolge dieser Druckschrift-Gebilde hab ich allein schon deshalb nicht gerührt, weil mir so Belangloses, wie was mir als erstes, als zweites ... hinzuschreiben eingefallen ist, schon nach diesen fünf, sechs damit verbrachten Stunden entfallen war. (Julian Schutting)

Katalog/artworks

 

Graphein Schrift=Bilder aus sieben Jahrhunderten

Kalligraphie
Typographie
Visuelle Poesie

Eröffnung: Dienstag, 16.10., 19 Uhr
Einführung
Katalog/artworks

verlängert bis 15.3.2019

Victor Hugo, in seiner Doppelbegabung als Dichter und Zeichner selbst ein Wandler zwischen Schrift und Bild, schrieb 1839 in einem seiner Reiseberichte: "Die Hieroglyphe ist die notwenige Grundlage der Letter. Alle Lettern waren erst Zeichen, und alle Zeichen waren erst Bilder. Das menschliche Zusammenleben, die Welt, den ganzen Menschen trifft man im Alphabet an."

Die aktuelle Ausstellung in der Galerie Hochdruck untersucht die Wechselwirkungen zwischen Schrift und bildender Kunst, vom Einzelbuchstaben als abstraktem Zeichen oder Symbol bis zu zusammenhängenden Texten, die Bildcharakter annehmen. Der Schwerpunkt liegt auf dem 20. Jahrhundert, im dem durch die  exponentielle Zunahme druckgrafischer Methoden und Möglichkeiten vor allem im gebrauchs-grafischen Bereich ein Feuerwerk neuer typografischer Lösungen entfacht wird, das nicht nur oft ein Changieren zwischen Schrift als Bild und Bild als Schrift mit sich bringt, sondern auch eine Gratwanderung zwischen künstlerischem Anspruch und öffentlicher Wirksamkeit.

In diesem Zusammenhang werden nicht nur gebrauchsgrafische Entwürfe von Künstlern für Plakate, Bucheinbände oder Zeitungscover präsentiert, sondern auch besonders geglückte Beispiele aus der Hand von Spezialisten auf dem Gebiet der Werbegrafik. Als dritte Komponente reiht sich reine Künstlergrafik in den klassischen Drucktechniken Holzschnitt, Radierung, Lithographie und Siebdruck nahtlos ein, für deren formalen Aufbau und Aussagekraft kalligrafische, typografische oder textuelle Elemente - mit allen Kombinationsmöglichkeiten - konstituierend sind. Eine besondere Gruppe bilden hier wieder die Künstlerbücher. Eines der überragenden Beispiele ist sicher das von Fernand Léger zu einem Text von Blaise Cendrars konzipierte Buch "La Fin du Monde filmée par l'Ange N.-D." aus 1919, mit mehr oder weniger abstrakten, von Leuchtreklamen und dem jungen Medium Film inspirierten Textcollagen in Schablonentechnik. Letztere sollte in dieser Form erst in jüngerer Zeit von Graffiti-Künstlern weltweit wiederentdeckt werden. Weitere Themen der Ausstellung sind Notation - musikalische oder sonstige - und schriftverwandte Zeichen, oft im Zwischenbereich zwischen Anweisung zum tatsächlichen Gebrauch (wie bei der musikalischen Grafik) und reinem künstlerischen Ausdruck (wie beispielsweise bei der schriftähnlichen Zeichensprache Keith Harings), sowie ein stark textbasierter Bereich, der sich von literarischer Seite in Form visueller und konkreter Poesie dem Bild annähert. Hier seien als prominente und frühe Beispiele im 20. Jahrhundert die furiosen Textcollagen F. T. Marinettis aus seinem Buch "Les mots en liberté futuristes" genannt.

Ein nicht unwesentlicher Reiz der Ausstellung dürfte in der Möglichkeit des unmittelbaren Vergleiches zwischen neuerer, uns weitgehend geläufiger Schriftkunst und Beispielen textbasierter, intermedialer Kunst vom 15. bis zum 19. Jahrhundert liegen.  Hier bekommt man eine Ahnung, wie reichhaltig das einschlägige Material, von der illuminierten Buchseite eines Renaissance-Druckes, über die reich ornamentierte persische Gedichthandschrift, das barocke Schreibmeisterblatt in Labyrinthform, japanische Gedichtblätter des frühen 19. Jahrhunderts (Surimono), oder afrikanische Handschriften für den liturgischen Gebrauch, mit Schriftzeichen, die im Alltagsgebrauch lange ausgestorben sind, auch außerhalb des Einflussbereiches neuerer Avantgarden ist, mit denen wir üblicherweise zumindest das Gebiet der Typographie verbinden.