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Künstler G
Mischtechniken

 

9/1968


Der Engel der Geschichte



Ab 1964 gibt Hap Grieshaber die Publikationsserie „Engel der Geschichte“ heraus, die ihre geistige Initialzündung durch ein Bild von Paul Klee und damit verbunden ein Zitat des Geschichtsphilosophen Walter Benjamin erhält. Bis zu seinem Tod 1981 stehen diese 23 Schriften als Gesamtkunstwerk seinem Werk vor und die Folge zeigt wie keine andere Arbeit, daß Wort und Bild symbiotisch verknüpft sind. Der „Geschichtsengel“ markiert den Höhepunkt einer aktiven und zeitlich kontinuierlichen Zusammenarbeit Grieshabers mit Dichtern und Schriftstellern, unter anderem mit Heinrich Böll, Sarah Kirsch, Volker Braun, Franz Fühmann und Walter Jens (zitiert nach Iris-Margarethe Rall-Lorenz).

Grieshaber bezeichnet jeden dieser Engel als eine „Aktion“ und fügt hinzu: „Jeder Engel hatte, bevor er erschienen ist, etwas Wichtiges zu tun: gegen ein Unrecht anzugehen, kurz, wie es sich für Engel geziemt, den Tod zu besiegen. Die Aktion, das ist das Lebendige gewesen. In ihr lag die bewegende Kraft, die dem Ernst der menschlichen Entwicklung diente. Sollte sich jemand an der Anrufung des Engels stören: es ist damit nur die Phantasie personifiziert.“

Die Nummern bekommen Namen wie „Sühneengel“, Tarnengel“, „Wacholderengel“, „Engel der Psychiatrie“, „Deutscher Bauernkrieg 450 Jahre“ oder eben „I have a dream“. Letzterer bezieht sich explizit auf die berühmte von Martin Luther King im Jahr 1963 gehaltene Rede anlässlich der großen Protestkundgebung „March on Washington for Jobs and Freedom“ und auf seinen gewaltsamen Tod im Frühling 1968, wenige Tage vor dem Attentat auf Rudi Dutschke in Berlin.

Martin Luther King im August 1963:

I say to you today, my friends, so even though we face the difficulties of today and tomorrow, I still have a dream. It is a dream deeply rooted in the American dream.
I have a dream that one day this nation will rise up and live out the true meaning of its creed: "We hold these truths to be self-evident: that all men are created equal."
I have a dream that one day on the red hills of Georgia the sons of former slaves and the sons of former slave owners will be able to sit down together at the table of brotherhood.
I have a dream that one day even the state of Mississippi, a state sweltering with the heat of injustice, sweltering with the heat of oppression, will be transformed into an oasis of freedom and justice.
I have a dream that my four little children will one day live in a nation where they will not be judged by the color of their skin but by the content of their character.
I have a dream today.

Im April 1968 wird Martin Luther King ermordet.

Der Einband der September-Nummer 1968 ist in schwarz gehalten, der „Traum“ gemahnt an eine Todesanzeige. Eingebunden wird diese in einen zweifach gefalteten Holzschnitt. Das Motiv des Engels, der die Flügel verloren hat, ist in Schwarz und Magenta auf zartes Japanpapier gedruckt. Der „Schutzumschlag“ wird so zur eindringlichen Metapher für Fragilität, das Purpur zum Symbol für die Würde, die selbst durch die Trauer über das Geschehene nicht ausgelöscht werden kann.

 

Biographie Hap Grieshaber Wikipedia

Biographie Martin Luther King Wikipedia

 

Sachgruppe: Künstlergrafik
Kategorien: Politik, Geschichte
Persönlichkeiten, Historische Figuren
Datierung: 1964 - 1981
Stilrichtung: Kunst nach 1945
Maße:  
Technik: Buchdruck, Farbholzschnitt
Literatur: Olschowski, Petra von/Fürst, Margot u.a
Hap Grieshaber, Staatsgalerie Stuttgart, 1999